Vom endlosen Atlantik ins Reihenendhaus

Eine zum-verrückt-werden-tolle-Frau, zwei lustige Kinder mit "Drückberger-Eis" und ein halbwahnsinniger Kpt.

Mit der Familie ein Jahr ein kleines Stück der Welt besegelt

Nach 379 Tagen und über 10.000 gesegelten Meilen laufen wir am 14.07.2012 in unseren Heimathafen Laboe ein.
Pünktlich, wie wir glauben. Unsere Yachtsmen’s Bible empfiehlt eine Std. zur UTC zu addieren, will man rechtzeitig zu Hause ankommen ["for German Summer Time add one hour"], eine Rechnung, die der Kpt. beherrscht. – Zwei Stunden drauf (haha) wären tatsächlich noch besser gewesen. Wir kommen natürlich eine Std. zu spät zur wartenden Meute auf der Mole, erwischen dafür aber eine regenfreie Phase. In den Spitzen gibt’s 5 Bft. aus West, die uns in den Hafen drücken.

Wir drosseln trotzdem die Maschine auf ein Minimum, obwohl uns der auffrischende Wind quer treiben lässt und wir schieben unsere alte Dame so langsam wie möglich in den Hafen. Wir fahren so dicht an der Mole vorbei, dass wir die Tränen in den Augen unserer Freunde und Eltern blitzen sehen. Der Eindruck ist wirklich intensiv.

KN Pressearchiv Laboe; NDR Fernsehen

“So viele Leute”, murmelt Jonne, der sich bei dem Getrööte die Ohren zuhält. Es ist laut und das wird es in den nächsten Wochen auch bleiben. Unsere Sinne sind überfordert noch bevor wir festen Boden unter den Füßen haben. Es rauscht zwischen den Ohren, als hätte der Apparat eine schlechte Trennschärfe oder als würde man partout die Frequenz nicht ganz finden.

Auf unserem alten Platz liegt ein Boot, aus dem ein Mann aus dem Niedergang kommt und winkt. “Das Boot kenn ich”, sagt er zum Skipper, “das ist die Hitch-Hike-Heidi, die hat in Martinique neben mir geankert”. Es ist Christoph. Unglaublich. Er ist zufällig (!) bei seinem Kumpel Oli zu Besuch. Seine Aluslup liegt noch in der Karibik.

Die Leinen kommen fest. Wir betreten heimatlichen Boden. Es lohnt sich fast, nur für diesen einen Moment loszusegeln.

Rückblickend kann sich der Kpt. allerdings nur noch an wenig erinnern. Viel Hintergrundrauschen, ein zu starkes QRM. Gefühlt sind da unglaublich viele Leute – auf den Bildern wird die Menschenmenge später tatsächlich überschaubar aussehen. Ein alter Kumpel, den der Kpt. nicht mehr so richtig einordnen kann und welcher den Kpt. im übrigen auch gar nicht kennt, wird herzlich begrüßt und umarmt. Er stellt Fragen und schreibt alles auf. Später stellt sich raus, dass er ein Reporter der Kieler Nachrichten ist. Das Foto, das er schießt zeigt eine zum-verrückt-werden-tolle-Frau, zwei lustige Kinder mit “Drückberger-Eis”  und einen halbwahnsinnigen Kpt. mit einem langen pädagogischen Zeigefinger. Der Artikel ist sehr nett und wir fühlen uns sehr geschmeichelt. Aber so ganz richtig ist er nicht. Wir sind uns nämlich relativ sicher, nicht um die Welt gesegelt zu sein.

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Ab Juli 2012 in einem Vorort von Hamburg zu besichtigen:
Eine kleine Crew und ihr Kpt. a.D. in einem Reihenendhaus.

Es geht uns jetzt nicht schlechter als vorher. Wir wussten ja ganz genau, was passieren wird, wenn wir nach Hause kommen.

Für uns ist es, als wären wir aus Versehen in eine Fabrikhalle gestolpert. Alles bewegt sich irrsinnig schnell, laut und gefährlich. Betäubt hängen wir dann bereitwillig gemeinsam den Rockzipfel ins Räderwerk, fast wie aus Leichtsinn, als wollten wir sehen, was passiert. Und ZACK! hat uns der Mechanismus zu fassen gekriegt. Schon sind wir wieder drin, in der Maschine.
So leicht geht das.

Merkwürdiges Gefühl, aber weniger schmerzhaft, als befürchtet. Genau genommen spüren wir gar nichts. Die Maschine brummt monoton und reibungslos wie von selbst: Das Boot geht raus auf den Knjipstra Bock, ein Auto wird gekauft, ein Reihenendhaus wird als Provisorium bezogen, das wir ungesehen vom Atlantik aus via Kurzwelle angemietet hatten (Bewohner von Reihenendhäusern legen aus irgendeinem Grund besonderen Wert darauf klarzustellen, dass sie am Ende einer Reihe wohnen. Uns flößt die Tatsache, dass wir nun am Ende sind, ein gewisses Maß an Angst ein.)

Die Arbeit geht los. Der NDR dreht eine 15min Reportage über die Reise. Das Jahr kapselt sich daraufhin sofort reflexartig ein und der Wundrand um das Loch fügt sich narbenlos wieder zusammen, als wäre nichts geschehen. Wir erwachen völlig schmerzbefreit wie aus einem Koma. Die Oberfläche ist wieder so glatt wie vorher, die Zeit wie aus unserem Leben geschnitten, das Jahr ist verschwunden.

Nur manchmal ahnen wir, dass da irgend etwas nicht stimmt, dass doch etwas gewesen sein muss. Wie aus dem Nichts steht da plötzlich ein neues Gebäude am Ortseingang, oder eine ganze Strassenführung in unserem Städtchen hat sich verändert. Wir kratzen uns dann am Kopf und fragen uns, wo das alles so plötzlich herkommt. Als hätte jemand mitten im Film das Programm gewechselt.

Mit das Verwirrendste aber ist die in Abständen gestellte einfache Frage:

“Wie war’s?”

Eine kurze Frage für ein langes Jahr. Solche Sätze haben die Qualität von knappen Prüfungsfragen, die zuende sind, bevor man sie verstanden hat, und treffen uns immer wie ein Schlag mit der Dachlatte ins Kreuz.

“Äh, ja, äm, … gut. Gut war’s.”

Das Jahr ist weg. Gut und gern 60 Gigabytes an Fotos haben wir noch auf der externen Festplatte. Virtuelles Beweismaterial für ein unglaublich reiches Jahr. Nur unser geliebtes Boot ist noch real. Wie ein kristallisiertes Überbleibsel eines Traums, wie ein Krümel Schlaf im verklebten Auge.
Unsere Hitch-Hike-Heidi steht bereits gepeelt “on the hard” an der Schlei; ihr Rumpf wurde in einem ungeheuren Kraftakt in zwei Tagen mit einem Gelplane abgehobelt. Sie wird jetzt mit einem selbstgebastelten Apparat vakuum-hitzebehandelt und nächstes Jahr mit Epoxydharz und Köpergewebe neu aufgebaut. Die Feuchtewerte sind mit zwischen 15 – 8% befriedigend bis noch gut. Läuft alles nach Plan wird der Balsa-Sandwich-Rumpf im Sommer 2014 besser sein, als er vor über 30 Jahren aus der Vakuumhülle kam.

Das wird dann eine weitere Geschichte. Und vielleicht der Anfang von einem neuen Traum 2017.

Der Hobel wird gehobelt

 


KN Pressearchiv Laboe

NDR Fernsehen

 

 

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2 Responses to Vom endlosen Atlantik ins Reihenendhaus

  1. Das ist ja ne Frage der Definition von Welt, ob ihr um dieselbe gesegelt seid! Und was für eine Welt!!
    Herrliches Foto in der KN, kannten wir noch gar nicht, gut getroffen ;) Die Maschinerie läuft, auch bei uns wieder, Rädchen im Uhrwerk. Doch die Stimmung ist gut, trotz Dauerregens. Lieben Gruß von den Rödis

  2. Nikola says:

    Tolles Foto!! Wir freuen uns schon euch in Laboe zu treffen.. (wer bekommt denn dann eigentlich den Liegeplatz? Den haben wir doch Oli besorgt.. hihi)
    Schade, dass wir uns nicht vor unserem Trip kennen gelernt haben, aber es hat immer super viel Spaß gebracht euren Blog zu lesen!!!
    Lieben Gruß von uns Supermollis

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