Praktizierter Artenschutz (Puerto de Mogan)

Puerto de Mogan,

Datum: Donnerstag, 10.11.2011
Position: 27°49’22N 015°46’44W

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Der folgende Artikel wurde von der Hauptfigur im Vorfeld ungesehen autorisiert – auch auf den Hinweis hin, dass journalistische Freiheiten gnadenlos ausgenutzt wuerden.

So he asked for it.

 

Man soll den Schnabel ja nie zu voll nehmen. Das sagt der Kpt. seinem Sohn regelmaessig am Fruehstueckstisch – gilt aber gelegentlich auch fuer den Kpt. selbst.

„Gar kein Problem, wir fahren da einfach rein in die Grotte, schwupps raus und wieder in den Hafen. Da steht nur ein wenig Swell drin, wenn wir die Köpfe einziehen, geht das auch bei Hochwasser“.

Wer kann auch ahnen, dass dem Kpt. sin liebstem Schwiegervater plötzlich all seine Aengste* ueber Bord gehen und er das Gesagte dann tatsaechlich vom Kpt. einfordert. (*Ganz ueble Hochseeerfahrungen). Hat er denn den gefaehrlichen Unterton zwischen den Zeilen nicht rausgehört? Da kann doch alles passieren!

Vielleicht ist es aber auch eins seiner beliebten Spielchen, um dem Kpt. mal so richtig auf den Zahn zu fuehlen und ihm das Fuerchten zu lehren. Also durchstehen. Der Kpt. steuert das kleine Schlauchboot an die Edelstahltreppe des Hafens. Mit jedem Schritt, mit dem sich dieser in vielerlei Hinsicht wirklich beeindruckende Mensch von oben herab dem kleinen Dinghi naehert, schwindet die Hoffnung, dass es sich hier nur um einen kleinen Belastungstest bzgl. des zarten Nervenkostuems des Kpt. handelt. Wirklich beeindruckt ist wenig spaeter auch der Schlauch des Dinghis, der klappstuhlartig die gewichtige Fracht in einer Falte beherbergt. Waehrend sich die Landratte offensichtlich richtig wohl fuehlt wie in einer gemuetlichen Sofaecke, balanciert auf der anderen Seite hoch oben der leichtgewichtige Kpt. auf dem nunmehr steinharten Schlauch und kommt kaum mehr an die Pinne des Außenborders ran. Jetzt heißt es, die Fracht unbedingt unbeschadet von der Hafenmole in die Grotte und von dort wieder zurueck ins Hafenbecken zu befördern: die seemaennische Kompetenz und Reputation des Kpt. steht auf dem Spiel! Hoechste Konzentration ist angesagt.

Die beiden gurken auf den hochbelasteten PVC-Luftschläuchen in die Grotte hinein und gruseln sich ein bisschen. Der Swell produziert ordentlich Wind in der beklemmenden Grotte, die die beiden offenbar aushusten will. Hinten im Schlund ruelpst eine Welle, Anlass genug, die Höhle schnellstmöglich wieder zu verlassen. Dann gibt der Kpt. Gas. Nichts wie raus, doch ein bisschen eng obenrum.

Haha, jeder denkt doch jetzt, dass nu was passiert! Tut’s aber nicht. Nichts passiert, alles laeuft glatt!  Die beiden schaukeln trocken durch die Wellen zurueck in den Hafen, der Kpt. entspannt sich, steuert gekonnt den Schlengelsteg an und geht laengsseits. Test  bestanden. Der Kpt. beglueckwuenscht sich.

In der Literatur wird der folgende Moment gemeinhin „point of no return“ genannt, in der klassischen Mechanik ist es das zweite newtonsche Gesetz, das die Bewegung einer Masse unnachgiebig regelt: Die wichtige Fracht, dem Kpt. sin liebster Schwiegervater, greift nach dem Schwimmsteg und es entsteht sehr leise eine sehr unangenehme Situation, die sich am ehesten vielleicht mit einer Art Brueckenhaltung der Fracht zwischen Dinghi und Steg umschreiben laesst.

Der Kpt. merkt sofort: das sieht nicht gut aus. Die Fracht merkt das auch und versucht das Unausweichliche mit einem enormen Kraftakt etwas hinauszuzögern, schließlich ist die Hafenmole voll von Leuten, die die Situation sofort als sehr interessant einstufen. Die Menschenmenge, die das Hafenbecken saeumen merkt jetzt auch: der Schwiegervater will nicht, was da gleich passieren wird, und das macht die Sache spannend.

Die Physik scheint einen Moment Mitleid zu haben und zögert ihren Tribut einzuholen, aber dann is es ihr scheißegal und sie zieht ihn aus dem Boot, hinein in die Hafenbruehe. Verdammte Schwerkraft.

Was dann folgt, zeugt von Haltung. Die Brille unverrueckt auf dem Nasenruecken schwimmt der Mann erhobenen Hauptes am Rand des Hafenbeckens herum, als habe das alles so seine Richtigkeit. Einen Wal zurueck ins Meer schubsen mag vielleicht möglich sein, aber dem Kpt. sin Schwiegervater auf den Steg ziehen? Naja. Womoeglich wuerde eine solch brutale Aktion zu allem Unglueck auch noch Aerger wegen des Artenschutzes mit sich ziehen. Alternative Rettungsaktionen werden ueberdacht. Der Kpt. fisselt an der Heckleiter einer benachbarten Yacht herum. Die Handgriffe werden geduldig beobachtet von zwei kleinen Augen hinter zwei blitzenden Brillenglaesern nur knapp ueber dem Wasserspiegel.

Das Ausklappen der Leiter erweist sich als mehr oder weniger zeitaufwendig, da die Yacht seit Jahren bumsdicht sehr nah am Steg vermurrt ist. Kein Platz fuer wichtige Schwiegerväter, sie lasst sich nicht runterklappen. Das Projekt wird aufgegeben. Das Augenpaar im Wasser blinzelt verunsichert, es bleibt aber eine ruhige Atmosphaere vorherrschend, was die Denkarbeit des Kpt. enorm erleichtert.

Ein Daene taucht auf.
Daenen sind in gewissen Situationen immer gut, weil sie anpacken können.
„Nu zieht mich doch raus“ muntert dem Kpt. sin Schwiegervater die beiden Maenner auf dem Steg vorsichtig auf.

Artenschutz hin, Artenschutz her – nu muss er raus, der Wal. Vier Fueße suchen festen Halt, vier Arme greifen ins Wasser und – tatsaechlich: Unerwartet leicht laesst sich dem Kpt. sin Schwiegervater fast geraeuschlos aus dem Hafenbecken auf den Steg ziehen, wo dieser einen Moment verharrt, um ein wenig um seine Tchibo-Uhr zu trauern. Dem Kpt. beschleicht ein schlechtes Gewissen.

Ou-ou. datt wird ein‘ kosten

‚wichtige Fracht und 1A Schwiegervadder

 

Mein liebster Schwiegervater! Du hast es so gewollt! Hochachtung ob deiner 1A Haltung, großartig! Der Kpt. kann sich keinen besseren Schwiegervadda wuenschen. Schoen war es mit euch, die Kinder und wir hatten eine wunderbare (!) Zeit. Habt vielen vielen Dank! Wir sehen uns auf den Azoren oder auf Guernsey!!!

Allerbeste Gruesse an unsere geliebte Uroma Bitta!

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