Atlantik 5 – Landfall Mindelo, Kapverden

Datum: 02.12.2011, 0700UTC
Position:16°53N 025°00W

Ein weisser Mond scheint durch drei grosse Loecher im Gross. Wir wagen es aber nicht, das Segel zu bergen. Wie ahnen: Fassen wir das Tuch an, flliegt es uns um die Ohren. Die kopfgrossen Triangeln von zwei Patenthalsen während unser Autopilot aufrauchte, bleiben trotz der steife Brise ueber Nacht unveraendert; so geniessen wir es, solange es noch steht.

Als wir das Segel dann im Morgengrauen vor Sao Vicente bergen, geht das alte Tuch tatsaechlich sofort in Stuecke. Mal sehen, was noch zu retten ist. Wir haben aber noch ein Ersatzgross im Quadrantenraum.

Die monstroesen Umrisse der Inseln Sao Vicente und San Antao lassen sich im morgendlichen roetlichen Staubdunst erst ausmachen, als wir schon ganz nah dran sind. Was fuer ein Abenteuer. Wir sind ganz wirr und koennen kaum glauben, was wir hier tun. Nach mehreren Tagen nichts als krummen Horizont scheint der ploetzliche Anblick einer groesseren Erhebung auf uns immer eine ganz besondere Wirkung zu haben.

Viel gesehen haben wir von der Insel noch nicht, aber so viel scheint schon mal sicher: Sicher ist hier ueberhaupt nichts! Die Bevoelkerung ist z.T. sehr arm, einige Familien kochen am Strassenrand in Blechfaessern. Wir nehmen die Warnungen von Jimmy Cornell und Noonsite.com zunaechst erst einmal beim Wort und strippen das Deck. Kein Block, keine Schot, keine Kurbel bleibt an seinem Platz, sogar der Wassergenerator wird abgeschraubt und geht unter Deck. Die beunruhigenden Warnungen bzgl. der Mosquitos und des DENGUE Fiebers scheinen nach Aussagen der anderen Segler nicht ganz der momentanen Situation zu entsprechen. Trotzdem kleiden wir uns und die Kurzen entsprechend und schmieren uns mit Autan ein.

(Haha, da kann man mal sehen, was fuer ein Hasenherz der Kpt. ist. Die Menschen hier sind alle ausnahmslos sehr freundlich und lebensfroh auf Sao Vicente! Nachts flitzt ab und zu mal ein unbeleuchtetes Motorboot an unserem Boot vorbei, aber wo gibt’s das nicht.)

Mal schaun was die naechsten Tage so bringen.

Fast schon witzig ist im Uebrigen der Besuch bei der Policia Maritim, bei der der Kpt. (alleine. Die Crew darf das Boot natürlich nicht verlassen) einklarieren muss. Fuer 5 EUR Bearbeitungsgebuehr kriegt man hier fast was geboten: Waehrend im ersten Buero die Amtsautoritaet beim Eintippen der Personalien das Auffinden eines jeden einzelnen Buchstabens „ah – este!“ quittiert,… tippt der Kollege im zweiten Buero mit dem wirklich beeindruckend langen und abgewetzten Schlagstock im Verhoerraum auf einen Tisch, um mir zu verstehen zu geben, dass ich den ganzen Mist nochmal abschreiben darf. Total bizarre Situaion. Der uniformierte Mann steht hinter mir und liest, immer kurz bevor ich den Stift zum Schreiben ansetze, in kurzen, scharfen Ansagen vor, was unter den freien Feldern steht. „Name of boat!“, „length of boat!“, „beam of boat!“ Dabei beugt er sich über mich und fuchtelt mit einem Stift in den Spalten herum.
Das nervt schon fast. Mann. Ich kenn doch das Formlar, ich kenn meinen Namen, ich kenn die Daten des Bootes und ich versuche nicht den Eindruck zu hinterlassen, als haette ich ernsthafte Schwierigkeiten mit dem Englisch. Der verkackereiert mich! Ich bekomme hier gerade die Greueltaten der Sklaverei zuruckgezahlt! Ich schreibe daraufhin so schnell ich nur kann, sodass er mit seinem Gebelle noch „right!, yes! etc.“ befehlen kann.

Wir verabschieden uns aber dann doch ganz nett. Ich fühlte nach einem Moment der Irritation doch noch so etwas wie ein fluechtiges Willkommensein und sage dem Beamten, wie lange ich den seltsamen Wunsch hatte, hier her zu kommen (Ich hatte einst eine übergrosse Landkarte in meinem Kinderzimmer an der Wand – und aus irgendeinem Grunde wollte ich diese kleine Inselgruppe hier so gerne bereisen, ein geheimes Ziel, vielleicht da sie wohl weit weg, aber doch noch im Wahnbereich des Moeglichen waren …. „You know what? It has always been my dream to sail to Cabo Verde since I’ve turned 13, mate! sage ich beim Hinausgehen. Da werden seine Gesichtszuege trotz des gestaerkten Hemdes ploetzlich ganz weich und er laechelt.
Ich mach dann aber trotzdem so schnell wie moeglich vom Acker und schau zu, dass ich zum Dinghi zurück komme. Ich frag mich, was es ist – aber es scheint da etwas an uns reichen Yachties zu haften, was uns grundsaetzlich erst einmal widerlich macht. Nunja, kein Wunder. Die Geschichte vieler Jahrhunderte Sklaverei ist hier in jede aufgeplatzte Hauswand eingraviert, in jedem nervösen Blick der Einheimischen zu erkennen. Paradoxerweise ist es dann aber genau die Doktrin der alten Autorität und Herrschaftsdenken, was uns jetzt entgegenschlaegt.

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