Mindelo, grosses Kino

Datum: 03.12.2011,
Position: 16°53N 025°00W Hafenvorfeld, Anchorage

Die Filmkulisse ist beeindruckend und richtig gut gemacht. Nach den verblichenen Farben zu urteilen ist es ein Nachkriegsfilm auf altem AGFA-Celluloid.

 Am Eingang der Bucht ist eine Flakbatterie in den Fels eingelassen, das Rohr haengt etwas enttaeuscht nach unten. Man kann die Kanone vom Boot aus nicht sehen, aber der Kpt. weiss, dass sie da ist. Voraus, am Hafenufer stehen in Ockerfarben bemalte Haeuser, von denen der Putz abfaellt und Feldsteine frei gibt, noch aus Zeiten des Sklavenhandels im 18. Jahrhundert. Achteraus liegen alte, vernarbte Frachter aus den 50er Jahren vor Anker, oder haben sich muede auf den Grund gelegt, dass nur noch die rostigen Aufbauten zu sehen sind. Ein Nebelschwaden verhangener, irre scharfkantiger Bergruecken umsaeumt die grosse Bucht, in der wir recht ruhig am aeusseren Rand des Ankerfeldes liegen – obgleich ziemlich schnelle warme Luft in Peaks mit ueber 40kn das Bergmassiv runter faellt und unseren Windgenerator richtig einheizt. Wir stecken 50m Kette und laschen das Dinghi auf dem Vordeck sehr fest, das Anstalten macht, davon zu fliegen. Wir sind Teil eines Filmes! Spek-tak-ulaer! Gleich kommt der Angriff… Es faengt etwas an zu nieseln.

Wir verkriechen uns im Salon, spielen mit den Kindern und warten.

Eine grosse Schraube kavitiert direkt neben uns. Das Wasser um uns herum ist 800 mal dichter als Luft und transportiert das Geraeusch in Dolby-Surround Qualitaet. Es geht los.

„Roter Oktober“? Im Dezember?  Wir schieben das Luk zurueck und starren alle auf eine weiss/rostige Stahlwand, die sich in weniger als 10m langsam an unserer Backbordseite vorbeischiebt und unser gesamtes Gesichtsfeld ausfuellt. Wow. Was fuer ein Riesenkino.

Schnuppi: „Ahm, ist der nicht ein bisschen nah? Und kann der ueberhaupt, was er da tut?“

Der Bug kommt, das Ding faehrt offenbar achteraus.

Kpt.: „Logo. Da sitzt ja ein richtiger Kapitaen oben drauf und ausserdem hat das Ding ein Querstrahlruder.“

Dann dreht sich die Bugschraube lustlos im Kreis und erschreckt ein paar Quallen.

„Aehm, vielleicht doch ein bisschen nah…“

Und vielleicht doch ein bisschen echt. Oben von der Reling glotzen Seeleute mit Walkie-Talkies auf uns herab. Jonne winkt – „halloo“ – ein netter Seemann winkt zurueck, was die Situation aber nicht so richtig auflockern will. Der Blecheimer schafft es gerade mal eben so an uns vorbeizukommen. Wir koennen den Film wieder geniessen.

Jetzt wird’s knifflig. Wo will der hin? Vor uns ist der Yachthafen, dahinter die Haeuser aus dem 18. Jahrhundert. Links von uns und in einem 90 Grad Winkel zu ihm ragt eine belegte Kaimauer aus dem Hafenwirrwarr, deren freier Rest fuer die alte Faehre viel zu kurz ist.

Kpt.: „Das gib’s nich, der will da anlegen“.

Wir staunen. Er geht ueber Steuerbord, schneidet die Kurve etwas, die Bugschraube dreht mit der gewaltigen Leistung eines Kuechenquirls gegen die 45 Windknoten an, die er sich volle Breitseite einfaengt, der Buganker faellt – und slippt. Das Heck schiebt sich am Kopf des Kais vorbei.

Und dann blaeht sich um den gesamten Bereich eine grosse graue Betonstaubwolke auf und die Faehre stoppt. Danach kommt der Schall, den die Deformationsenergie der verbogenen Stahlplatten und des brechenden Steins verursacht.

Man kennt so Geraeusche ja nur aus dem Kino und da sind das immer Momente, in denen jemand mit Schmerz verzerrten Gesicht und dicken glaenzenden Schweissperlen auf einer fettigen Stirn ins Bild kommt.

„Das hat der doch auch nicht so gewollt, oder?“ „Ich denke mal nicht, nein“

Irgendwie kommen der Festmacher und die Spring dann dicht, und die Faehre bleibt mit 2/3 UEberhang leicht unausgewogen, aber extrem platznutzend einfach liegen. Von wegen „Sorry, Hafen voll!“ Die Ansage gibt’s hier nicht.

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2 Responses to Mindelo, grosses Kino

  1. Katja von der Nubia says:

    Hallo, toll, dass Ihr gut angekommen seid! Ich bin in Deutschland. Mike ist unterwegs auf die Kap Verden. Vielleicht ist er Samstag oder Sonntag in Mindelo. Wie lange bleibt Ihr? Viele Grüße Katja

  2. Kpt. says:

    Hallo Katja,
    wir haben soweit alles wieder repariert – mal schaun wann und ob Mike mit seiner Trudel noch hier eintrudelt, oder ob er direkt nach Barbados durchsegelt.
    Waer natuerlich schoen, wenn wir ihn noch sehen. Liebe Gruesse, die Hikers

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