Grenada – The Apollonia Case

Grenada, St. David’s Harbour

Rueckblick: Die KIRA-Jungs kommen auf’n Kaffee vorbei. Wir sitzen zusammen in unserem Cockpit in der Carlisle Bay vor Barbados und quatschen ein bisschen ueber Bücher. Dass Langfahrtsegler praktisch alle die gleiche Bibliothek zu Hause (oder im Container eingelagert) stehen haben, ist ein Phaenomen und eine wunderbare Plattform, auf der man sich mit grossem Enthusiasmus ueber Dinge unterhalten kann, über die es nichts mehr zu sagen gibt.

Zuerst reden die Herren aneinander vorbei, so das Uebliche. Man hoert nicht genau hin, denn irgendwie drehen sich ja sowieso alle einschlaegigen Segelbuecher um die gleiche Sache. Der Kpt. der HITCH-HIKE-HEIDI findet jedenfalls die Story in seiner gedanklichen Bibliothek nicht und oeffnet nervoes sein inneres Filmarchiv, womoeglich wurde das Buch ja unter einem anderem Titel verfilmt:

Kpt. der HEIDI: “Ach, klar, kenn ich, du meinst …’Nur die Sonne war Zeuge’ mit Alain Delon alias Philippe Greenleaf – seeehr guter Streifen. Am Ende haengt der Eigner tot am Draht, der sich in der Schraube aufgewickelt hat, und wird beim Slippen ans Licht gezogen” [...] “Oder meinst du den Streifen, wo der Kpt. Zucker hat und seine beiden Chartermaeuse ihn mit der Harpune an den Mast nageln…?”

Aber dann wird klar, dass eine Luecke vorliegt.

Das Kpt.-Konsortium der KIRA: “Nein, ganz anders. Das Buch heisst ‘Logbuch der Angst’, der Fall Apollonia. Ganz fiese Geschichte! Aber wahr. Muesst ihr beide unbedingt lesen!”

Am naechsten Morgen liegt ein Buch in der Plicht, das sofort untersucht wird.

Wer das Buch kennt ueberspringt den folgenden Absatz. (Der Klappentext ist nur wegen des Spannungsbogens wichtig :-)

Ein deutscher Geschaeftsmann kauft so um 1980 rum eine wunderschoene Yacht, die (ex-) Wappen von Bremen, Mahagoni auf Eiche, 56ft lang mit klassischen Ueberhaengen und will sie ueber den Atlantik segeln. Er hat aber leider ueberhaupt keine Ahnung, wie man sowas macht. Auf den Kanaren trifft er einen “gestrandeten” Segler und Ex-Hubschrauberpiloten, den er zu sich und seiner Freundin auf’s Boot holt. Dann kommen noch zwei Chartergaeste dazu, die bestenfalls eine verklärte Vorstellung vom Segeln haben. Zunaechst, so deutet es der Autor, scheint die Yacht eine bockige Arbeitshaltung zu entwickeln. Sie will nicht aus dem Hafen, die Maschine springt nicht an und der Anlasser muss mit einem Schraubendreher kurzgeschlossen werden.
Mitten auf dem Atlantik foppen die Chartergaeste und der Kpt. den
Hubschrauerpiloten ein bisschen, weil er ihnen zu penibel ist. Bis dieser ausflippt und meutert, sich die Pistole des Eigners aushaendigen laesst und das Kommando uebernimmt. Der Eigner muss Blanko-Unterschriften leisten, offenbar möchte er seine geleistete Arbeit am Boot ausbezahlt bekommen; und dann werden alle richtig sauer: Der Meuterer kriegt eins mit dem Pumpenschwengel ueber den Schaedel, ueberlebt aber die Attacke blutueberstroemt  – und schiesst darauf dem einen in die Brust, der anderen in den Kopp, und einem Dritten auch irgendwo rein. Der Eigner und seine Freundin sind sofort tot und werden ueber Bord geworfen…

Am Ende stolpert der Mörder ueber Gehaltsforderungen, die er mit den Blankoschriften rechtskraeftig machen moechte und wandert fuer ungefähr 15 Jahre (bei uns in Fuhlsbuettel) ins Zuchthaus.

Gruselige Geschichte, zumal die Apollonia in der Carlisle Bay nach der Antlantikpassage vor Anker ging, genau dort, wo wir gerade schaukeln. Der Meuterer klarierte in der gleichen Immigration-Office ein, wie wir das taten, womoeglich beim gleichen cholerischen Officer, der mich so widerlich behandelte…

(von dem office gaebe es eigentlich auch noch eine Geschichte; da hat der Kpt. naemlich eine ‘punishing time’ von einer Std. bekommen, weil er einen Fehler beim Uebertragen der Passportnummer eingebaut hatte. Er musste EINE Std. alleine vor der Tuer sitzen und warten, um ueber seine Schlechtigkeit nachdenken zu koennen)

Dem Kpt. sin Fru hat das Buch sofort gelesen. Der Kpt. dann auch. Zuerst das letzte Drittel, dann die Mitte, dann den Anfang. Schade, dass kein Foto von der Yacht im Buch abgebildet ist. Eine Yawl, 16 Meter, aus Holz! Das muss ein Traum von einem Schiff gewesen sein.

Das war die Vorgeschichte.

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St. David’s Harbour, Grenada, heute:
Eine schöne Yacht  glaenzt in der Bucht vor der Water’s Edge Bar an der oestlichen Flanke. Ich fuehle mich wie angezogen von der Yacht (siehe “Wir sind im Dschungel“), steige ins Dingi, und reisse den Motor an. Als ich um das hochgezogene Heck der Yacht fahre trifft mich der Schlag:

Es ist die Apollonia.

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Die Gruselgeschichte wird konserviert und am Abend am Tisch in der Bar serviert.
Eine Literaturluecke wird bei der NUBIA entdeckt und das geliehene Buch wandert leihweise ins Regal der Stahlslup.

Aber die Geschichte ist noch gar nicht zuende. Jonathan, ein unheimlich netter Kanadier, der sich fuer eine Handvoll Dollar ein Stahlschiff gekauft hat und es in der Marina ausbaut, kriegt die Gruselstory der Apollonia auch auf den Pappteller des kleinen Restaurants der Bucht gelegt – und just dann, aber genau in diesem Moment, als er naemlich den inneren Disput zu meinen Gunsten abgeschlossen hatte, ob ich ihn nun auf den Arm nehmen wollte oder nicht und mir glaubte, rammt sich eine der Bardamen krachend an das Holzgelaender der Veranda. Ihre Augen sind gross und voller Panik. Sie leuchten im Dunkeln weiss wie Tischtennisbälle. Mit quietschender Stimme gibt sie uns zu verstehen, dass wir doch bitte die Guete habe sollten, uns so schnell wie moeglich in Gefahr zu bringen und mit dem Dingi zum Riff rauszufahren: Eine “Ketch” haette sich von der Mooring losgerissen und treibt auf das Riff draussen zu.

Sie sagte “Ketch”, aber wir ahnen welche Yawl sich da losgemacht hat, springen ins Gummiboot und werden von der pechschwarzen Nacht einfach verschluckt. Wir fahren an dem Bereich vorbei, in dem die Apollonia liegen muesste, die Yawl ist aber nicht mehr an ihrer Mooring (d.h. die Mooring ist auch nicht mehr da), und wir knattern weiter in Richtung Riff. Dann taucht zwischen den weissen Brandungstreifen der diffuse Schatten der Yacht auf, der sich kaum vom Schwarz der Nacht abhebt. Die Silouhette der Yacht sitzt auf dem Riff und zuckt unharmonisch in den Wellen: Sie sitzt also schon auf dem Riff. Einige Jungs sind schon drauf zugange und freuen sich ueber unser Hilfeangebot. Ich glaubte Robert von der TIMPETEE wäre auch schon da (war er aber gar nicht, wie er später behauptete). Das Grossfall wird abgeschlagen, um den Mast in Hoehe der Saling gelegt und zu einem Dingi in luv runtergereicht. Ich soll mit unserem Dingi die querliegende Yacht am Bug in den Wind druecken. Außenborder jaulen, meiner auch.

Die Maschine der Apollonia springt an, das Dingi zerrt etwas am Fall, der Mast neigt sich zur Steuerbordseite und der Kiel scheint vom Riff freizukommen. Der Bug stampft heftig auf und ab. Er erschlägt mich fast. Unser kleines Dingi drueckt mit geballter 2,5 PS-Gewalt kurz hinter dem Steven. Die Holzyacht krängt, ruckt etwas, dreht sich in den Wind und kommt frei.Yeah!

Jonathan und ich finden das super! Am naechsten Morgen erfahren wir, dass die Yacht einem in der Naehe wohnenden Carpenter gehoehrt. Geklaut wird auf seinem Boot jedenfalls nichts. Er ist der einzige Einheimische, der das Boot betritt. Die tendenziell aberglaeubischen Insulaner und Werftarbeiter setzen da kein Fuss drauf.

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Nachtrag: Apollonia ist ein Bill Tripp Design, Bermudan Yawl, 56′ ft L.ü.a.

Sie wurde 1963 von der De Dood & Sohn Werft in Bremen auf Kiel gelegt. Im Moment steht sie etwas vernachlässigt für bummelig 200.000 USD spottbillig zum Verkauf, Preistendenz fallend.

Nachtrag 08.01.2017
Apollonia kostet im Übrigen mittlerweile nur noch 46T USD.

Hier der Link.

 

 

 

 

 

 

 

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21 Responses to Grenada – The Apollonia Case

  1. Co_ki_net says:

    Hmmmm. Is das jetzt eine wahre Geschichte? Oder wollt ihr nur den 2. Teil der Appolonia gut verkaufen….:-)

  2. Co_ki_net says:

    Mir ist das jedenfalls zu unheimlich… Ich guck mir jetzt lieber den Nebelwald auf la Gomera an…

  3. Oh Mann, das ist ja echt der Hammer! Wir haben das Buch auch gelesen. Schreckliche Geschichte. Aber die Appolonia sieht ja noch ganz gut in Schuss aus, so auf den ersten Blick. Nicht schlecht, dafür, dass das Schiff schon so alt ist und einen ziemlich wirren Werdegang hinter sich hat.

    Grüße von La Gomera
    Olaf.

  4. Kpt. says:

    Moin SOPHIE! Schoen, euch zu lesen. Wir gruessen Euch unheimlich!
    Ja in der Tat, die sieht gut aus. Der Carpenter pflegt sie offenbar.
    Ich war ja kurz auf dem Deck, als sie auf dem Riff war. Haette zu gerne nach der Scharte am Niedergang gesucht, wo eine Kugel reinging.

    Wir hoffen, Euch geht es praechtig! Eure Hikers

  5. Kpt. says:

    Moin Herr Kpt.!
    Neinnein, ich habe da keine journalistischen Freiheiten ausgeschoepft. Die Geschichte stimmt. Die schwarzen Werftmitarbeiter kriegen grosse weisse Augen und eine quietschige Stimme, wenn man nach der Yawl fragt. (Das macht dann alles nur schlimmmer.. uah)
    Wir gruessen euch! Eure lieben Hikers

  6. UStRef Maddek says:

    Herrlich, die Geschichte … das ist ja ganz nach Deinem (und meinem) Geschmack. Das lässt ja den pangalaktischen Donnergurgler literarisch verblassen. Schön, dass es Euch gut geht … Herzlichen Glückwunsch an Jonne und Line vorträglich !

  7. Kpt. says:

    Guten morgen, Herr Unterstufenreferendar! Ja, der pangalaktische Donnergurgler laeuft Gefahr, vor diesem Hintergrund leicht zu verblassen, aaaaaber iisch saache dir, die physische Gewalt eines solchen isotonischen Kaltgetraenkes aus einer Kokosnuss ist nicht zu unterschaetzen und dieses Exemplar zog auch sowas wie ein Schmerzphaenomen nach sich. Institutionen, die mich danach wieder auf die Beine gestellt haetten, gabs allerdings keine. DAS ist eine Maer!
    So und ich finde, jetzt solltest du wieder etwas arbeiten, findest du nicht auch??
    Dein Volker

  8. SY Supermolli says:

    haha oh mann wir würden euch echt gern kennen lernen.. wann kommt ihr denn eigentlich wieder??

  9. Tim Wichmann says:

    Sachen gibts….
    Das werden wir definitiv persönlich in Augenschein nehmen müssen! Wir sind jetzt auf Bequia und werden morgen weiter Richtung Süden gehen…
    Wir sehen uns!

  10. Opa Hans says:

    Hallo zusammen, schick mir doch mal eine Mail.
    Viele Grüße vom Opa Hans

  11. Kpt. says:

    Moin Oppa, ich hab dir eine Mail geschickt…

  12. Opa Hans says:

    Ich habe Deine Mail erhalten und viele Bilder angeschaut
    viele Grüße
    Opa Hans

  13. Opa Hans says:

    Alle Welt soll es wissen: Oma Ingrid wird übermorgen, den 05..02.12., 75 Jahre alt.
    Ich soll Euch alle schön grüßen.
    Ich sende ihr von Euch Bilder zu, die ich ausgedruckt habe.
    Dieses zum Geburtstag in schöner Aufmachung.
    Viele Grüße Euer Opa

  14. Kpt. says:

    Mooooooin! Tipp-topp Geschenk. Ein Flugticket zu den Windward Islands liegt da doch sicherlich auch bei, haha, oder???? Wir gruessen dich sehr! Deine Steffi und Crew

  15. Onkel Hans aus Wuppertal says:

    Hallo ihr Lieben,

    viele Grüße aus dem sehr kalten Wuppertal-Beyenburg senden Euch Hans, Rosi, Kerstin und Tim!!
    Wir wünschen Euch weiterhim eine gute Reise, die wir ja jetzt gut verfolgen können!!
    Alles Liebe von uns allen!!

    _______________________

    Der Kpt. un sin Fru schreiben:
    Hallo Rosi, hallo Hans, Kerstin und Tim!!!! Wir gruessen euch sehr!
    Das mit der Temperatur ist ja so eine Sache. Die ist echt ungerecht verteilt. Ihr habt’s gut… Wir freuen uns schon auf die kuehlen Morgen in der daenischen Suedsee… Seid fest gedrueckt! Euere Steffi, Volker, Jonne und Line

  16. Opa Hans says:

    Meine liebe Line mein lieber Jonne, zu Eurem 5. Geburtstag herzliche Glückwünsche.
    Euer Opa Hans.

  17. Opa Hans says:

    In Konstanz ist die Hölle los..Beim Fastnachtszug sind die Narren mit dem Motto
    Piratensiff: ” hitsch – hike – heidi.de ” unterwegs.Lasse 5 u.Mads, 4 Jahre alt, sind
    auch dabei. Viele Grüße Opa Hans

  18. Opa Hans says:

    Dein E-mail vom 1.3. haben wir bekommen, uns geht es auch gut. Wann segelt Ihr die Tobago Cays an? Viele Grüsse Opa Hans

    ___________________

    Moin Fadda, Die Tobago Cays haben wir jetzt hinter uns. Tobago machen wir leider nicht, wir hangeln uns jetzt von Insel zu Insel nach Antigua und von dort gehts dann auf die Bermudas. Liebe Grüße!

  19. Opa Hans says:

    Von Oma Ingrid soll ich Euch ganz viele Grüße bestellen. Ich habe ihr die Pos.
    mitgeteilt. Viele Grüße von Opa Hans

  20. Opa Hans says:

    Herzliche Grüße aus dem leider etwas kühlerem Bad Reichenhall. Am 13.04. kommen die Konstanzer für 6 Tage nach Reichenhall. Wir freuen uns schon darauf. Uns geht es gut und hoffen dasselbe von Euch auch. Euer Opa Hans und Gerda.

  21. thorpe leeson says:

    i am the owner of Apollonia.
    please contact me.
    thanks
    ________________

    Hi Thorpe, I’ve sent you an email.
    Volker

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